Sonntag, 2. August 2015

Julho – Arbeit, Feierei, Glückseeligkeit



Nun habe ich wirklich schon die letzte „Parada Técnica“ (Teamsitzung) hinter mir. Nur noch 1 Monat Praktikum - wie schnell die Zeit vergeht! Es kommt mir wie gestern vor, als ich völlig überfordert das erste Mal umgeben von einer Horde neugieriger Kinder in meinem Projekt stand und kaum etwas von dem verstanden habe, was sie alle gleichzeitig auf mich ein geplappert haben. Und doch ist dieser Tag schon 4,5 Monate her…
Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich lachen oder weinen soll. Was ich allerdings weiß ist, dass mir der Abschied von hier mit Sicherheit verdammt schwer fallen wird!


Der letzte Monat war anstrengend, kurz, intensiv und vor allem unglaublich schön! Die Kinder hatten den ganzen Juli Winterferien und wir haben uns daher ein ganz besonderes Programm für sie ausgedacht (unser Projekt hatte über die Ferien nicht geschlossen, was vor allem daran liegt, dass viele Kinder von den täglichen Mahlzeiten hier abhängig sind). Es gab Cinema (Kino), Spielwettbewerbe, Theateraufführungen und vieles mehr. Ein Highlight war das „Buffet de Crépe Francês“. Es kam ein Catering-Service, der ein edles Buffet aufgebaut hat und den Kindern unter anderem auch die Getränke, wie in einem Restaurant, serviert haben -  ein ganz neues Erlebnis für Viele! Die meisten Kinder haben zum ersten Mal in ihrem Leben einen Crépe gegessen und nach anfänglichen Zweifeln haben sie sich alle darauf gestürzt (vor allem natürlich auf die Süßen).




Dominiert wurde der Monat allerdings vom „Festa Julina“, das Mitte Juli stattfand und von den damit verbundenen Vorbereitungen. Normalerweise gibt es in Brasilien die „Festas Juninas“ (Junifeste). Sie werden im gesamten Monat Juni gefeiert und haben eine lange Tradition. Besonders in den Regionen des Nordostens (hier ähnlich populär wie Karneval), aber auch in São Paulo, werden die Feste zu Gedenken der römisch-katholischen Heiligen Santo Antônio (Heiliger Antonius von Padua), São João (Heiliger Johannes), São Pedro (Heiliger Peter) und São Paulo (Heiliger Paul) groß gefeiert. Da mein Projekt im Juli 1-jähriges Bestehen gefeiert hat (das Projekt an sich gibt es schon länger, aber vor einem Jahr wurde es von der Organisation Sefras übernommen), haben wir das Fest einfach um einen Monat verschoben.

Sejam Bem Vindos!

Wochenlang wurden Girlanden ausgeschnitten, Plakate gemalt, Deko gebastelt und Tänze einstudiert. Überstunden wurden gemacht, massenweise Kuchen gebacken und das ganze Projekt blitzblank geschrubbt. Die Salas (Räume) der Kinder und Jugendlichen wurden mal wieder aufgeräumt und mit den gebastelten Werken des Semesters geschmückt. Das Fest an sich war ein totaler Erfolg! Es waren unglaublich viele Menschen aus dem ganzen Viertel da, es wurde gegessen, Spiele gespielt (z.B. „Galinha na Panela“ – ein Gummihuhn muss aus ein paar Metern Entfernung in einen Kochtopf geworfen werden), getanzt, Preise beim Bingo gewonnen und noch mehr gegessen. Die Kinder und Jugendlichen haben außerdem unter begeisterten Jubelrufen der Eltern ihre geprobten Tänze vorgeführt. 

Der geschmückte Raum der Kleinen


Fotowand

Mein persönliches Highlight war die „Quadrilha“ – eine Art Paartanz. Man hüpft Arm in Arm in einer langen Schlange durch den Raum und es gibt einen Vortänzer, der den Leuten Kommandos zuruft, wie beispielsweise „Achtung Kobra“ (alle Mädls müssen schreien) oder „Regen“ (die Jungs halten ihre Hände zum Schutz über den Kopf der Mädchen). Zwischendurch rufen sie auch mal ganz laut „Viva São João“ („Es lebe der Heilige Johannes“) und alle schreien zurück „Vivaaaaa“! Es haben spontan auch ganz viele Eltern mitgetanzt - es war ein unglaubliches Chaos und ein riesen Spaß :)

Quadrilha



Seit diesem Monat gibt es übrigens bei mir im Projekt einen Computerraum und einen kleinen improvisierten Garten! Außerdem hatten wir zur Unterstützung 3 junge franziskanische Novizen, die vor allem bei den Mädls im Projekt super angekommen sind :) Für mich war es wirklich schön, nicht mehr die Neue zu sein, sondern die, die sich schon auskennt! 

Computerraum

Gärtchen


Außerdem hatte ich die Möglichkeit, einmal mit in die Communidade (Favela) zu gehen, aus der die meisten unserer Kinder stammen. Es war ein ziemlich bedrückendes Erlebnis, durch die schmalen, matschigen und verdreckten Gassen, an den aus Pappe und Holz zusammengezimmerten Hütten vorbei zu laufen und zu wissen, dass dies der Alltag vieler unserer Kinder ist. Es gibt häufig kein fließendes Wasser, die Dächer sind undicht und es muss jetzt im Winter vor allem nachts unglaublich kalt sein. Es gibt keinerlei Privatsphäre und der Drogenhandel ist so alltäglich, wie das Fußballspielen auf der Straße. Mir wurde mal wieder bewusst, wie wichtig unser Projekt in dieser Gegend ist – allein schon um die Kinder von der Straße und deren Verlockungen fern zu halten. 
Und wie gut ich es habe.


Das Bild stammt noch von Ostern (deshalb die Eier)


Am Donnerstag haben wir zum Ferienende einen Ausflug mit allen Kindern und Jugendlichen (die Vormittags- und Nachmittagsgruppen zusammen) in einen kleinen Freizeitpark in der Nähe gemacht. Wir hatten ihn ganz für uns alleine und es war einfach ein unglaublich anstrengender, aber wunderschöner Tag und der perfekte Abschluss der Ferien. Die Kids waren begeistert von all den Spielmöglichkeiten und auch die Großen hatten ihren Spaß :)



Auch die Großen hatten Spaß :)


Der Juli war somit zum einen ein sehr arbeitsintensiver Monat, aber auch ein Monat mit unglaublich vielen Glücksmomenten! Es sind Kleinigkeiten, die man oft mit einem Wimpernschlag wieder vergessen hat, einen aber trotzdem irgendwie tief im Inneren berühren.
Hier ein paar Beispiele, die mir im Kopf geblieben sind:

·    Als ich nach meiner Bolivienreise zurück ins Projekt kam und erstmal alle Kinder auf mich zugestürmt kamen.
·    Ich danach in einer Massenumarmung halb erdrückt wurde.
·    Als ein Junge später zu mir kam, mir einen Kuss auf die Backe gedrückt hat und meinte, dass er mich vermisst hat.
·    Als ein Kind an seiner Geburtstagsfeier sein erstes Stück Kuchen mir geben wollte (das erste Stück ist hier etwas ganz besonderes).
·    Als mir ein Mädchen erzählt hat, ich sei für sie das schönste Mädchen, dass sie kennt – schöner als ihre Mama.
·    Als überraschend Post aus der Heimat auf dem Tisch lag.
·    Als ein Kind beim Spielen angefangen hat ein Lied zu singen und plötzlich die ganze Gruppe laut mit geschmettert hat.
·    Als ein Jugendlicher ein Schimpfwort benutz hat und mich, nach einem strengen Blick meinerseits, mit großen Augen angeschaut und ganz schnell „Tut mir leid, Lea!!“ gerufen hat.
·    Als wir es geschafft haben, uns in einer ruhigen Art und Weise in einem Stuhlkreis mit den Kindern zu unterhalten :D
·    Als ich erfahren habe, dass die Kinder bei einem Ausflug (bei dem ich nicht dabei sein konnte, weil ich beim Arzt war) laut gesungen haben: „Lea, wo bist du? Wir sind nur her gekommen, um dich zu sehen!“
·    Als ein Mädchen mich angefleht habe, dass ich doch in Brasilien bleiben soll.
·    Sie auf mein Argument, meine Familie wäre aber in Deutschland, nur meinte, ich solle die doch nach São Paulo bringen.
·    Als sie mir am Ende erklärt hat, sie würde mir dann eben eine Schachtel basteln, in der ich mein Geld für eine Rückkehr sammeln könnte.
·    Als ich bei den Tanzproben der Jugendlichen zusammen mit ihnen getanzt habe.
·    Als ich mir beim Frühstück Kaffee holen wollte und ein Mädchen mich angestrahlt hat und gesagt hat: Kaffee mit Milch, oder?
·    Als ein Junge trotz anfänglichem Widerwillen mit schallendem Lachen und vor Freude funkelnden Augen mit mir Quadrilha getanzt hat.
·    Als mich beim Festa Julina alle Kinder unglaublich glücklich und begeistert angestrahlt haben – einen schöneren Erfolg gibt es nicht!
·    Als ich, von den Kids angefeuert, gemeinsam mit den anderen Erwachsenen im Freizeitpark Autoskooter (Bate-Bate, gesprochen „Batschi-Batschi) gefahren bin und gar nicht mehr aufhören konnte zu lachen.
·    Als mir ein Kind vertrauensvoll den Kopf in den Schoß gelegt hat, damit ich ihm den Rücken kraule.
·    Als ein neues Kind sich auf der Rückfahrt vom Freizeitpark ganz erschöpft auf meinen Schoß gesetzt und an mich gekuschelt hat.
·    Als ein Mädchen mit strahlendem Lächeln meine Hand genommen hat, um mit mir zusammen die 20 Meter zum Essensraum zu gehen.
·    Als meine Mitarbeiter eine Viertelstunde lang darüber diskutiert haben, wie sie am besten meinen Reisepass klauen können, damit ich in Brasilien bleiben muss.
·    Und einfach jedes Mal aufs Neue, wenn mich jemand lächelnd mit einer Umarmung oder einem Kuss auf die Wange begrüßt, und mich liebevoll „filha“ (Tochter) oder „querida“ (meine Liebe) nennt!

Es sind diese Kleinigkeiten, die mir am Ende des Tages, wenn ich im Bus durch die Straßen von Jardim Peri Alto holpere und den wunderschönen Sonnenuntergang über den Häuserbergen betrachte, jedes Mal ein Lächeln ins Gesicht zaubern und mir immer wieder aufs Neue bewusst machen, wie verdammt glücklich ich bin!


Beijos, Lea

2 Kommentare:

  1. Was für ein wunderwunderschöner blogeintrag! Er strahlt so viel Glück und Zufriedenheit aus ♥

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  2. Was für ein wunderwunderschöner blogeintrag! Er strahlt so viel Glück und Zufriedenheit aus ♥

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