Nun habe ich
wirklich schon die letzte „Parada Técnica“ (Teamsitzung) hinter mir. Nur noch 1
Monat Praktikum - wie schnell die Zeit vergeht! Es kommt mir wie gestern vor,
als ich völlig überfordert das erste Mal umgeben von einer Horde neugieriger
Kinder in meinem Projekt stand und kaum etwas von dem verstanden habe, was sie
alle gleichzeitig auf mich ein geplappert haben. Und doch ist dieser Tag schon
4,5 Monate her…
Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich lachen oder weinen soll. Was ich
allerdings weiß ist, dass mir der Abschied von hier mit Sicherheit verdammt
schwer fallen wird!

Der letzte
Monat war anstrengend, kurz, intensiv und vor allem unglaublich schön! Die
Kinder hatten den ganzen Juli Winterferien und wir haben uns daher ein ganz
besonderes Programm für sie ausgedacht (unser Projekt hatte über die Ferien nicht
geschlossen, was vor allem daran liegt, dass viele Kinder von den täglichen Mahlzeiten
hier abhängig sind). Es gab Cinema (Kino), Spielwettbewerbe, Theateraufführungen
und vieles mehr. Ein Highlight war das „Buffet de Crépe Francês“. Es kam ein Catering-Service, der ein edles Buffet aufgebaut hat und den Kindern unter anderem auch die Getränke, wie in einem
Restaurant, serviert haben - ein ganz
neues Erlebnis für Viele! Die meisten Kinder haben zum ersten Mal in ihrem
Leben einen Crépe gegessen und nach anfänglichen Zweifeln haben sie sich alle
darauf gestürzt (vor allem natürlich auf die Süßen).


Dominiert
wurde der Monat allerdings vom „Festa Julina“, das Mitte Juli stattfand und von den
damit verbundenen Vorbereitungen. Normalerweise gibt es in Brasilien die „Festas
Juninas“ (Junifeste). Sie werden im gesamten Monat Juni gefeiert
und haben eine lange Tradition. Besonders in den Regionen des Nordostens (hier
ähnlich populär wie Karneval), aber auch in São Paulo, werden die Feste zu
Gedenken der römisch-katholischen Heiligen Santo Antônio (Heiliger Antonius von
Padua), São João (Heiliger Johannes), São Pedro (Heiliger Peter) und São Paulo
(Heiliger Paul) groß gefeiert. Da mein Projekt im Juli 1-jähriges Bestehen
gefeiert hat (das Projekt an sich gibt es schon länger, aber vor einem Jahr
wurde es von der Organisation Sefras übernommen), haben wir das Fest einfach um
einen Monat verschoben.
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| Sejam Bem Vindos! |
Wochenlang wurden Girlanden ausgeschnitten, Plakate gemalt, Deko gebastelt und
Tänze einstudiert. Überstunden wurden gemacht, massenweise Kuchen gebacken und
das ganze Projekt blitzblank geschrubbt. Die Salas (Räume) der Kinder und
Jugendlichen wurden mal wieder aufgeräumt und mit den gebastelten Werken des
Semesters geschmückt. Das Fest an sich war ein totaler Erfolg! Es waren
unglaublich viele Menschen aus dem ganzen Viertel da, es wurde gegessen, Spiele
gespielt (z.B. „Galinha na Panela“ – ein Gummihuhn muss aus ein paar Metern
Entfernung in einen Kochtopf geworfen werden), getanzt, Preise beim Bingo
gewonnen und noch mehr gegessen. Die Kinder und Jugendlichen haben außerdem unter
begeisterten Jubelrufen der Eltern ihre geprobten Tänze vorgeführt.
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| Der geschmückte Raum der Kleinen |

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| Fotowand |
Mein
persönliches Highlight war die „Quadrilha“ – eine Art Paartanz. Man hüpft Arm
in Arm in einer langen Schlange durch den Raum und es gibt einen Vortänzer, der
den Leuten Kommandos zuruft, wie beispielsweise „Achtung Kobra“ (alle Mädls
müssen schreien) oder „Regen“ (die Jungs halten ihre Hände zum Schutz über den
Kopf der Mädchen). Zwischendurch rufen sie auch mal ganz laut „Viva São João“ („Es
lebe der Heilige Johannes“) und alle schreien zurück „Vivaaaaa“! Es haben
spontan auch ganz viele Eltern mitgetanzt - es war ein unglaubliches Chaos und
ein riesen Spaß :)
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| Quadrilha |
Seit diesem
Monat gibt es übrigens bei mir im Projekt einen Computerraum und einen kleinen improvisierten
Garten! Außerdem hatten wir zur Unterstützung 3 junge franziskanische Novizen,
die vor allem bei den Mädls im Projekt super angekommen sind :) Für mich war es
wirklich schön, nicht mehr die Neue zu sein, sondern die, die sich schon
auskennt!
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| Computerraum |
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| Gärtchen |
Außerdem hatte ich die Möglichkeit, einmal mit in die Communidade (Favela) zu
gehen, aus der die meisten unserer Kinder stammen. Es war ein ziemlich
bedrückendes Erlebnis, durch die schmalen, matschigen und verdreckten Gassen,
an den aus Pappe und Holz zusammengezimmerten Hütten vorbei zu laufen und zu
wissen, dass dies der Alltag vieler unserer Kinder ist. Es gibt häufig kein
fließendes Wasser, die Dächer sind undicht und es muss jetzt im Winter vor
allem nachts unglaublich kalt sein. Es gibt keinerlei Privatsphäre und der
Drogenhandel ist so alltäglich, wie das Fußballspielen auf der Straße. Mir
wurde mal wieder bewusst, wie wichtig unser Projekt in dieser Gegend ist –
allein schon um die Kinder von der Straße und deren Verlockungen fern zu halten.
Und wie gut ich es habe.
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| Das Bild stammt noch von Ostern (deshalb die Eier) |
Am Donnerstag
haben wir zum Ferienende einen Ausflug mit allen Kindern und Jugendlichen (die
Vormittags- und Nachmittagsgruppen zusammen) in einen kleinen Freizeitpark in
der Nähe gemacht. Wir hatten ihn ganz für uns alleine und es war einfach ein
unglaublich anstrengender, aber wunderschöner Tag und der perfekte Abschluss der
Ferien. Die Kids waren begeistert von all den Spielmöglichkeiten und auch die
Großen hatten ihren Spaß :)
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| Auch die Großen hatten Spaß :) |
Der Juli war
somit zum einen ein sehr arbeitsintensiver Monat, aber auch ein Monat mit
unglaublich vielen Glücksmomenten! Es sind Kleinigkeiten, die man oft mit einem
Wimpernschlag wieder vergessen hat, einen aber trotzdem irgendwie tief im
Inneren berühren.
Hier ein paar Beispiele, die mir im Kopf geblieben sind:
· Als
ich nach meiner Bolivienreise zurück ins Projekt kam und erstmal alle Kinder
auf mich zugestürmt kamen.
· Ich
danach in einer Massenumarmung halb erdrückt wurde.
· Als
ein Junge später zu mir kam, mir einen Kuss auf die Backe gedrückt hat und
meinte, dass er mich vermisst hat.
· Als
ein Kind an seiner Geburtstagsfeier sein erstes Stück Kuchen mir geben wollte
(das erste Stück ist hier etwas ganz besonderes).
· Als
mir ein Mädchen erzählt hat, ich sei für sie das schönste Mädchen, dass sie
kennt – schöner als ihre Mama.
· Als
überraschend Post aus der Heimat auf dem Tisch lag.
· Als
ein Kind beim Spielen angefangen hat ein Lied zu singen und plötzlich die ganze
Gruppe laut mit geschmettert hat.
· Als
ein Jugendlicher ein Schimpfwort benutz hat und mich, nach einem strengen Blick
meinerseits, mit großen Augen angeschaut und ganz schnell „Tut mir leid, Lea!!“
gerufen hat.
· Als
wir es geschafft haben, uns in einer ruhigen Art und Weise in einem Stuhlkreis
mit den Kindern zu unterhalten :D
· Als
ich erfahren habe, dass die Kinder bei einem Ausflug (bei dem ich nicht dabei
sein konnte, weil ich beim Arzt war) laut gesungen haben: „Lea, wo bist du? Wir
sind nur her gekommen, um dich zu sehen!“
· Als
ein Mädchen mich angefleht habe, dass ich doch in Brasilien bleiben soll.
· Sie
auf mein Argument, meine Familie wäre aber in Deutschland, nur meinte, ich
solle die doch nach São Paulo bringen.
· Als
sie mir am Ende erklärt hat, sie würde mir dann eben eine Schachtel basteln, in
der ich mein Geld für eine Rückkehr sammeln könnte.
· Als
ich bei den Tanzproben der Jugendlichen zusammen mit ihnen getanzt habe.
· Als
ich mir beim Frühstück Kaffee holen wollte und ein Mädchen mich angestrahlt hat
und gesagt hat: Kaffee mit Milch, oder?
· Als
ein Junge trotz anfänglichem Widerwillen mit schallendem Lachen und vor Freude
funkelnden Augen mit mir Quadrilha getanzt hat.
· Als
mich beim Festa Julina alle Kinder unglaublich glücklich und begeistert
angestrahlt haben – einen schöneren Erfolg gibt es nicht!
· Als
ich, von den Kids angefeuert, gemeinsam mit den anderen Erwachsenen im
Freizeitpark Autoskooter (Bate-Bate, gesprochen „Batschi-Batschi) gefahren bin
und gar nicht mehr aufhören konnte zu lachen.
· Als
mir ein Kind vertrauensvoll den Kopf in den Schoß gelegt hat, damit ich ihm den
Rücken kraule.
· Als
ein neues Kind sich auf der Rückfahrt vom Freizeitpark ganz erschöpft auf
meinen Schoß gesetzt und an mich gekuschelt hat.
· Als
ein Mädchen mit strahlendem Lächeln meine Hand genommen hat, um mit mir
zusammen die 20 Meter zum Essensraum zu gehen.
· Als
meine Mitarbeiter eine Viertelstunde lang darüber diskutiert haben, wie sie am
besten meinen Reisepass klauen können, damit ich in Brasilien bleiben muss.
· Und
einfach jedes Mal aufs Neue, wenn mich jemand lächelnd mit einer Umarmung oder
einem Kuss auf die Wange begrüßt, und mich liebevoll „filha“ (Tochter) oder
„querida“ (meine Liebe) nennt!
Es sind diese
Kleinigkeiten, die mir am Ende des Tages, wenn ich im Bus durch die Straßen von
Jardim Peri Alto holpere und den wunderschönen Sonnenuntergang über den
Häuserbergen betrachte, jedes Mal ein Lächeln ins Gesicht zaubern und mir immer
wieder aufs Neue bewusst machen, wie verdammt glücklich ich bin!
Beijos, Lea