Donnerstag, 28. Mai 2015

Zu Besuch in einem Frauengefängnis

Auf den heutigen Tag war ich schon seit langer Zeit ziemlich gespannt! Ich habe nämlich das erste Mal einige Sozialarbeiter bei ihrer Arbeit in einem Gefängnis hier in São Paulo begleitet. Ich kannte das Innere von Gefängnissen bisher nur aus dem Tatort (ich hatte noch nie die Gelegenheit in Deutschland eines zu besuchen – kann man auch als ein gutes Zeichen werten ;) ) und von den „presídios“ in Brasilien hatte ich schon diverse Horror-Stories gehört. Bei dem heutigen Besuch war ich daher sowohl sehr, sehr neugierig, als auch etwas nervös. 
Die Fahrt in das Frauengefängnis dauerte ca. 45 Minuten und führte hinaus aus der quirligen Millionenmetropole São Paulo in die bewaldeten Hügel – vorbei an Hochhäusern und Palmen, riesigen Favelas und Shopping-Malls, Hotels und Bolzplätzen.. Noch nie ist mir die Armut hier so extrem aufgefallen und noch nie bin ich mir der gewaltigen Unterschiede und Extreme, die in São Paulo aufeinandertreffen, so unmittelbar bewusst geworden. Diese Unterschiede sollten auch im Laufe des Nachmittags noch eine große Rolle spielen.

Das Gefängnis wirkte von Anfang an ziemlich einschüchternd auf mich. Ein großer grauer Betonkasten, mit riesigen Mauern und Stacheldraht, sowie einer Unmenge an Toren, Schlössern und Riegeln. Alle mitgebrachten Materialien mussten im Vorhinein angemeldet werden und wurden nach und nach auf einer Liste abgehackt und durch einen Gepäckscanner wie am Flughafen untersucht. Auch wir mussten unsere Ausweise abgeben, durch einen Scanner laufen und wurden anschließend noch abgetastet, damit ja nichts mit ins Gefängnis geschmuggelt wurde, von dem die Wärter nichts wussten. Wir durchquerten mindestens 5 Gittertüren, bei denen wir jedes Mal auf eine andere Wächterin warten musste, damit sie uns aufsperrt, bis wir endlich zu unseren „Abteilungen“ kamen, in denen die Treffen stattfanden (zwei Mitarbeiterinnen in der einen und ein junger Franziskaner, der momentan Soziale Arbeit studiert, und ich in der anderen).

Ich weiß nicht genau, was ich von Frauen in einem Gefängnis erwartet habe (Vorurteile?!), aber ich war wirklich überrascht, wie unglaublich normal und sympathisch die „meninas“ (Mädchen) hier waren. Sie waren total offen, neugierig, interessiert und ständig am Lachen (richtig albern, wenn es um bestimmte Themen ging). Es waren Frauen, die ich dem ersten Eindruck nach niemals in einem Gefängnis vermutet hätte. Viele von ihnen sind dort auch wegen kleineren Delikten – meistens auf Grund von Drogenhandel. 

Die Legalisierung von Drogen (vor allem Marihuana) ist im Moment in Brasilien ein großes Thema. Das Ganze kann man natürlich so und so sehen, aber wie der Frei, der mich mit dorthin genommen hat, richtig gesagt hat: Drogen werden so oder so genommen – ob sie nun legal sind, oder nicht. Es macht allerdings einen gewaltigen Unterschied für die vielen, vielen Menschen in den Favelas, die deswegen ins Gefängnis kommen. Den reichen, weißen Menschen ist das egal – an Unis beispielsweise kontrolliert niemand, ob jemand Drogen dabei hat. Auch die Drogenbosse, die das große Geld mit dem Handel scheffeln, bleiben unbehelligt. Die einzigen, die von der Illegalität der Drogen betroffen sind, sind die Menschen der Gesellschaft, die eh schon am Rande stehen und leiden, nämlich diejenigen, die den Verkauf von Drogen als zusätzliche Einnahmequelle verwenden, um ihr Überleben zu sichern – Die „negros“ und „morenos“ in den Favelas, die auch gezielt von der Polizei kontrolliert werden. Von den ca. 20 Frauen, die an dem Treffen teilnahmen war übrigens eine einzige „branco“ (weiß). 
(Eine weitere Hoffnung ist es, durch die Legalisierung von Drogen die mit dem Handel/Schmuggel verbundene Gewalt zu verringern)

Das Thema der heutigen Sitzung war – passend dazu – Rassismus. Die meisten Gefängnisinsassen sind, wie schon oben etwas erklärt, dunkelhäutig. Es ist hier überall bekannt, dass die Polizei gezielt Razzien und Durchsuchungen bei farbigen Menschen macht und Ungerechtigkeiten auf Grund der Hautfarbe sind allgegenwärtig. Aus diesem Grund ist es unglaublich wichtig, dieses Thema anzusprechen! Es ging bei unseren Diskussionen um die Bilder, die in den Medien transportiert werden (die Stars sind meistens weiß, die Straftäter die gezeigt werden tendenziell dunkelhäutig) und die Assoziation von Hautfarben und Berufen (auch in Deutschland ein wichtiges Überlegung – ich hab zum Beispiel noch nie einen Lehrer kennengelernt, der dunkelhäutig ist). Ein weiterer angesprochener Aspekt war die Sklaverei, durch die die ersten „negros“ aus Afrika nach Brasilien kamen. Während der Begriff „Sklave“ für mich etwas unendlich weit entferntes ist, ist er hier bis heute noch ein aktuelles Thema. Viele Leute haben Urgroßeltern, die noch Sklaven waren und in den Köpfen vieler Brasilianer werden dunkelhäutige Menschen immer noch als minderwertig angesehen. Wir hatten Such- und Verkaufsanzeigen von Sklaven aus der damaligen Zeit mitgebracht und die Frauen haben verschiedene Szenen davon nachgespielt. Danach wurde darüber diskutiert und der Bezug zur heutigen Zeit hergestellt. Außerdem hatten die Frauen die Möglichkeit, von eigenen Erlebnissen und Erfahrungen im Zusammenhang mit Rassismus zu erzählen.

Nach einer spannenden Stunde ging es nach einer liebevollen Verabschiedung für die Frauen zurück in ihre graue Realität und für mich wieder raus aus dem unendlichen Betonklotz. Am Eingang wurde überprüft, dass auch jeder einzelne USB-Stick und Stift wieder mit hinausgenommen wurde und wir bekamen unsere Pässe wieder. Danach fuhren wir zurück, vorbei an all den Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten Brasiliens, in die Vertrautheit der überfüllten und von Hochhäusern gesäumten Straßen des „Centro“ von São Paulo – den Kopf voller neuer Eindrücke und einer Menge Dinge, über die es sich nachzudenken lohnt.

Sonntag, 10. Mai 2015

Von toten Hähnen, rohen Eiern und dem ersten Tag am Strand

Oi queridos, tudo bem?

Nun bin ich schon seit genau 56 Tagen in São Paulo und fühle mich immer noch pudelwohl! Verrückterweise geschieht jedes Mal, wenn ich gerade das Gefühl habe, dass der Alltag einkehrt, etwas überraschendes Neues. Es sind diese Kleinigkeiten -  eine neue Aufgabe im Projekt, ein überraschender Brief aus der Heimat, eine Einladung zu einem Fest oder einfach nur ein plötzliches Lächeln eines Fremden auf der Straße – die mein Leben hier so spannend und abwechslungsreich gestalten!
Es ist nun schon eine halbe Ewigkeit vergangen, seit ich es das letzte Mal geschafft (und mich aufgerafft) habe, mich für einen Blogeintrag an den Laptop zu setzen und dafür kommt jetzt mal wieder umso mehr auf einmal. Sorry! :)
Ich versuch das Ganze hier ein bisschen zu gliedern, um euch nicht vollkommen mit den Massen an Wörtern zu verschrecken (ihr müsst auch nicht alles auf einmal lesen)..




Ostern und mein Geburtstag:

Den Gründonnerstag hab ich in „Cha do Padre“, (dem Obdachlosenprojekt) verbracht, wo eine Feier mit allen möglichen Mitarbeitern von Sefras stattfand. Was wirklich schön war, war die Tatsache, dass ich dank meiner „Hospitationswoche“ ja schon total viele Projekte gesehen hatte und somit ziemlich viele der Anwesenden kannte. Außerdem waren auch drei der Mitarbeiterinnen aus meinem Projekt (ich weiß inzwischen auch endlich den korrekten Namen: CCA Sefras Peri) ebenfalls dort und dank ihnen hab ich mich so richtig zugehörig gefühlt! Die Feier an sich war auch echt schön! Es haben sich dafür Mitarbeiter aus allen Projekten sozusagen als ihre Klienten „verkleidet“ (als Obdachlose, Senioren,..) und diesen wurden dann die Füße gewaschen. Danach haben sie ein Kreuz hereingetragen, auf dem Sätze standen, die auf die Schicksale und Probleme dieser bezogen waren (z.B. Gewalt in der Familie zerstört ein glückliches und gesundes Aufwachsen von Kindern). Das Ganze hat mich irgendwie total berührt (hätte ich nie erwartet) -die Vorstellung, dass diese Menschen ihre Krankheit, Hintergrund oder Geschichte quasi wie ein Kreuz mit sich herumtragen und die Mitarbeiter von Sefras versuchen, diese mit ihrer Arbeit zu beseitigen oder leichter zu machen. Mir ist irgendwie das erste Mal bewusst geworden, wie wichtig diese Arbeit hier wirklich ist! 

Karfreitag wurde abends in der Kirche von Gemeindemitgliedern die Leidensgeschichte Jesu nachgespielt. Am Anfang habe ich über die fehlende Professionalität und ständigen Technikaussetzer noch geschmunzelt, aber gegen Ende haben mich die Schauspieler mit ihrem Eifer und ihre Leidenschaft echt gepackt und als Maria später über dem toten Jesus in ihren Armen getrauert hat, hatte ich eine richtige Gänsehaut! Danach fand eine lange Prozession durch das Viertel statt. Die Dunkelheit, die vielen Menschen und die aus voller Inbrunst mitgesungenen Lieder und Gebete haben ihr eine ganz besondere Atmosphäre verliehen.


Am Samstag habe ich erst einmal total die Sonne unterschätzt und mir einen schönen Sonnenbrand geholt.. Die Osternacht war eigentlich ganz schön, hat sich für mich nur eeewig hingezogen (20.00 – 23.00 Uhr), was vermutlich vor allem daran gelegen hat, dass es erst danach Abendessen gab und ich beinahe verhungert bin. Nach dem Gottesdienst hab es für jeden ein großes Schoko-Osterei und um halb 12 im Konvent endlich Essen :)
Der Ostersonntag war sehr entspannt, mit gutem Essen, weiterer Schokolade, viel Schlaf und wunderbarem Ausblick auf „meiner“ Dachterrasse.


Meinen Geburtstag hab ich eigentlich schon am vorherigen Tag gefeiert. Es kamen nämlich spontan (zu mindestens für mich, ich hatte nämlich keine Ahnung was los ist) ein paar Menschen im Konvent vorbei, um den Geburtstag einer Mitarbeiterin von Sefras zu Feiern. Sie haben im Wintergarten auf dem Dach gegrillt, es gab Kartoffelsalat und Bier und es wurde ein ziemlich witziger Abend mit 4 Mönchen, 1 Novizen, 2 Nonnen, 3 Mitarbeitern von Sefras und mir als Küken :) Als das Geburtstagskind erfahren hat, dass ich am nächsten Tag 21 werde hat sie kurzerhand beschlossen, meinen Geburtstag gleich mitzufeiern. So wurde mir ein Luftballon in die Hand gedrückt, ein Ständchen gesungen und wir haben den Kuchen zusammen angeschnitten. An meinem Geburtstag selbst hab ich mit meiner Familie und Freunden geskyped und mich unglaublich über die vielen Nachrichten lieber Menschen gefreut, die an diesem Tag an mich gedacht haben. Den Nachmittag habe ich in dem riesigen und wunderschönen Park Ibirapuera (und mit dem sehr verwirrenden Weg dorthin und wieder zurück) verbracht und dort einfach die Sonne genossen. 




Apropos Geburtstag – es gibt hier in Brasilien (oder zu mindestens São Paulo) den Brauch, das Geburtstagskind zur Feier des Tages mit rohen Eiern (und wenn man Pech hat auch mit Farbe) zu bewerfen und danach lauthals ein Geburtstagsständchen zu singen. Das Ganze ist eine riesen Sauerei und der Pechvogel, der Geburtstag hat, hat danach die ganzen Haare voller Eierpampe und Schalen (und am nächsten Tag stinkt die ganze Straße nach faulen Eiern). Die Jugendlichen aus meinem Projekt machen das immer bei sich gegenseitig und haben dabei einen riesen Spaß. Ich auch – allerdings nur beim Zuschauen :D Ich hatte ja glücklicherweise an einem Samstag Geburtstag und am Montag hatten meine Mitarbeiterinnen dies zu meiner großen Freude schon wieder vergessen (ich hatte total Angst - mir wurde das Eierwerfen nämlich schon angedroht).


Praktikum

Wenn ich morgens aufwache, dann immer zu Musik und Lärm von draußen. Verrückterweise ist es immer die gleiche Liedzeile, die sich wiederholt -  Entweder es ist ein Zufall und ich wache immer passend dazu auf, oder es ist eventuell die Melodie des Rückwärtsganges der Busse auf dem Parkplatz direkt beim Konvent (in Indien war diese Melodie immer Jingle Bells!). Nach dem Frühstück kämpfe ich mich dann (inzwischen schon gegen 7 Uhr morgens) durch die Menschenmassen, die sich am Straßenrand (und auf der halben Straße) am Boden ausgebreitet haben, und Kleidung verkaufen. Man hat das Gefühl, das ganze Viertel ist auf den Beinen, um die besten Leggins und bauchfreien T-Shirts abzustauben. 

Apropos Klamotten -  Was den Kleidungsstil angeht, gibt es hier natürlich die ganz normalen unterschiedlichen Stile der Jugendlichen und jungen Erwachsenen (São Paulo ist schließlich eine ganz normale Großstadt). Abgesehen davon habe ich bisher innerhalb meiner Zeit (zu mindestens in meinem Stadtteil und in dem meines Projekts) 4 Haupttrends entdeckt:

1. Frozen.
Wer den Animationsfilm nicht kennt – hier eine kurze Zusammenfassung: es geht um eine gute Schwester, eine Böse, einen Prinzen und einen Schneemann (Olaf!!). Die gute Schwester will sich mit ihrer bösen Schwester mit den Superkräften vertragen und verliebt sich währenddessen in den Prinzen. Und der Schneemann? Der ist einfach süß („Ich kann meine Beine nicht spüren!“ :D). Ähm ja… kurzum, ein ganz wunderbarer Kinderfilm, dank dem die Kids in meinem Projekt ständig lauthals dessen Titelmusik „Let it go, let it goooo“ schmettern, ohne zu wissen, was sie da eigentlich singen.
Aber zurück zur Kleidung – und davon gibt es hier mit Filmmotiven einfach alles: Flipflops, T-Shirts, Jacken, Hosen, Taschen,… (erschreckenderweise auch für Erwachsene!!)


2. Leoparden-Muster.
Ich weiß! Ich dachte auch, dass diese Phase endlich vorbei ist, aber nein… hier wird es auf allen Kleidungsstücken und in allen Altersklassen getragen – und wenn ich ALLE schreibe, dann mein ich auch ALLE (vom Kleinkind im Leopardenstrampler bis zur 60-jährigen Frau im kurzen Leopardenkleidchen)!

3. Leggins
Jede zweite Person trägt hier Leggins in allen möglichen verschiedenen Varianten (von schlicht über komplizierte Muster bis hin zum obligatorischen Frozen-Aufdruck). Das Ganze ist definitiv nicht immer vorteilhaft, aber vermutlich bequem.

4. Je kürzer, desto besser.
Knappe Hotpants, kurze Kleidchen, rückenfreie oder durchsichtige Oberteile – hier wird alles getragen. Und die wichtigste Regel ist: Egal welche Figur und welches Alter: bauchfrei geht immer!


So, aber nun zurück zu meiner Arbeit hier:
In meiner Praktikumsstelle gefällt es mir wirklich unglaublich gut! Das liegt zu einem Großteil einfach an den super tollen Mitarbeitern dort, mit denen ich mich immer besser verstehe. Sie geben sich richtig viel Mühe, mir so viele verschiedene Einblicke wie möglich zu geben und haben eine unendliche Geduld, wenn ich mal wieder (sprachlich bedingt) überhaupt nicht verstehe, worum es eigentlich gerade geht. Der Kontakt mit den Kindern (va den jüngeren) wird immer enger! Kuscheleinheiten und Haareflechten (alle sind ganz fasziniert von meinen "blonden“ Haaren) sind an der Tagesordnung und auch die Sache mit dem Respekt klappt immer besser. Ich lern inzwischen sogar Schimpfwörter (die Leute um uns rum im Bus müssen sich über das Gespräch zwischen einer Mitarbeiterin und mir wirklich gewundert haben) - natürlich nur um sie zu erkennen, wenn die Kinder sie verbotenerweise benutzen ;)

Spiel während der Celebração da Vida
Es finden ständig verschiedene Aktivitäten statt, wie beispielsweise eine weitere „Celebração da vida“ (Geburtstagsfeier) und damit verbundenes Pralinen machen, ein Kinobesuch mit den großen Mädls (Cinderella), Volleyball spielen, ein Treffen mit den Eltern und die lange sehnsüchtig erwartete Feier des „Dia das Mães“ – dem Muttertag am letzten Donnerstag. Hierfür wurde stundenlang das gesamte Projekt mit glitzernden Herzen und Luftballons geschmückt und die Kinder haben wahre Kunstwerke für ihre „Mamãe“ (Mami) geschaffen und aufgehängt. Am Tag selbst haben dann die Kleineren in weißen Leibchen mit einem großen roten Herz drauf einen Tanz vorgeführt (sehr putzig – das Lied dazu ging ungefähr so: „Mama, du bist so schön, Mama, du bist so toll, Mama, du bist die Liebe meines Lebens,…“ und immer so weiter :D). Die Großen haben ebenfalls getanzt, bzw. ein Lied gesungen. Alles in allem eine sehr gelungene Feier und die anwesenden Mamas haben sich gefreut!


beim Pralinen machen 





Apropos Mama („apropos“ entwickelt sich irgendwie zu meinem neuen Lieblingswort) – ich hab mich vor kurzem mit einem 13-jährigen Mädchen aus meinem Projekt unterhalten und sie hat mit erzählt, dass 4 ihrer Freundinnen im Moment schwanger sind (13, 14, 14 und 15 Jahre alt). Ein weiteres Mädchen hat mit erzählt, dass ihre Mama 22 Jahre alt ist – sie ist 9 Jahre alt und ihr großer Bruder 10… Laut einer Mitarbeiterin sind so frühe Schwangerschaften hier unglücklicherweise häufig die Realität. Die Kinder haben keinen Aufklärungsunterricht in der Schule und in den Familien ist Sexualität ein Tabuthema (seltsam, wo doch die Brasilianer so freizügig erscheinen). Die Mädchen ziehen sich schon in jungen Jahren unglaublich knapp und „aufreizend“ an, sind aber eigentlich noch total naiv und haben keine Ahnung was mit ihnen passiert und schwupps – sind sie plötzlich schwanger und stehen in den meisten Fällen alleine da (die Väter machen es sich leicht und ziehen sich aus der Verantwortung). Von den Kindern bei uns im Projekt sind fast alle Mütter super jung und haben oft viele Kinder von unterschiedlichen Vätern.


Wochenenden

An meinen Wochenenden versuche ich nach wie vor so viel wie möglich von São Paulo zu entdecken. Ich war im „Museu da Lingua Portugesa“ (Museum der portugiesischen Sprache – super modern, mit vielen interaktiven Anteilen), habe Shrimps-Balls im japanischen Stadtviertel Liberdade gegessen, bin durch die Avenida Paulista geschlendert und war im „Mercado Municipal“ (große Markthalle mit vielen verschiedenen Obst- und anderen Essensständen). 
Museu da Lingua Portugesa
Liberdade
Im Mercado Municipal

Avenida Paulista


Außerdem bin ich am 1. Mai (ist hier auch ein Feiertag) mit einem Bruder aus dem Konvent in die etwa 60km (= ca. 2h Fahrt) entfernte Stadt Santos gefahren. São Paulo selbst ist etwas höhergelegen und die nächste Stadt am Meer ist Santos. Sie hat einen richtig schönen (allerdings etwas heruntergekommenen) alten Stadtteil, mit einem Kaffeemuseum (der Kaffeeanbau und –verkauf hat die Weichen für den Aufstieg São Paulos zur größten Metropole Südamerikas gestellt) und einem Museum zu Ehren des Fußballspielers Pelé. Der neue Stadtteil ist von dem alten quasi durch einen Berg getrennt (man läuft/fährt zuerst durch einen Tunnel) und ist geprägt von vielen, vielen Hochhäusern und breiten Palmen-Alleen. Der Strand ist super lang und von der Straße durch einen insgesamt 10km langen und ca. 100m breiten Garten-Streifen mit Palmen, Pflanzen und Wegen getrennt, in dem die Leute Fahrradfahren, Inlineskaten oder einfach nur Spazieren gehen. Da es im Moment in São Paulo relativ kalt ist (zwischen 17 und 21 Grad und windig) hatte ich nicht mit dem guten und vor allem warmen Wetter in Santos gerechnet und deswegen leider keine Badesachen dabei. Aber es war trotzdem super schön einfach entspannt barfuß am Meer entlang zu laufen und die Sonne zu genießen :)

Blick auf die Küstenregion






 Ein weiteres super spannendes Erlebnis war der Besuch einer Candomble-Feier, zu der mich eine Mitarbeiterin meines Projektes in das Haus ihrer Familie eingeladen hat. Die Religion „Candomble“ ist eine afro-brasilianische Religion und wurde ursprünglich von den afrikanischen Sklaven mit nach Brasilien gebracht. Da die Ausübung damals verboten war, machten die Anhänger der Religion aus ihren Gottheiten damals katholische Heilige, um ihren Glauben weiter ausüben zu können. Vor allem im eher afrikanisch-geprägten Bundesstaat Bahia ist er heute weit verbreitet. Den ganzen Vormittag über wurde im Haus meiner Mitarbeiterin geputzt und gekocht und alles für das Fest hergerichtet. Die Frauen haben sich schick gemacht und in ganz besondere Kleider geworfen – bestehend aus einer Art Reif-Rock, einem Rock darüber, einer Spitzenbluse, einem Tuch um Brust und Bauch gewickelt und einem Tuch um dem Kopf. Das ganze sah für mich wirklich Afrikanisch aus (oder zu mindestens so, wie ich es mir bei einem traditionellen afrikanischen Fest vorstelle). Das Mädchen das mich mitgenommen hat, hatte in ihren lila-metallisch schimmernden Kleidern und dem vielen Goldschmuck etwas von einer wilden Piratenbraut :D 



Das Fest selbst fand dann im hauseigenen „Gebetsraum“ mit etwa 20-30 Leuten statt und dauerte fast 5 Stunden! Es bestand vor allem aus Gesang (begleitet von Trommeln und Schellen) und stundenlangem Getanze. Immer wieder wurden Opfergaben gemacht – unter anderem vor einer Art eisernem Kerzenständer, auf deren Spitze der Kopf eines toten Hahnes steckte (sehr skuril!). Außerdem haben die Frauen und auch Männer zur Verehrung den Boden in verschiedenen Richtungen und vor bestimmten Personen geküsst. Zwischendurch wurde es dann richtig gruselig, als verschiedene Leute (ua. auch ein etwa 13 jähriges Mädchen) scheinbar in Trance gefallen sind – sie haben ganz wild getanzt, geschwankt und mit den Augen gerollt. Da war Gänsehaut wirklich vorprogrammiert! Sie wurden dann alle in einen separaten Raum geführt und kamen ein paar Minuten später wieder heraus, als wäre nichts passiert. Ziemlich seltsam und gewöhnungsbedürftig, aber echt spannend!





Nach der Feier habe ich dann das erste Mal Feijoada – eine Art Nationalgericht in Brasilien probiert. Es wurde von den Sklaven erfunden und ist eine Art Eintopf aus schwarzen Bohnen und verschiedenen Fleischresten (das, was ihnen ihre Herren übriggelassen hatten). Dazu wird Reis und Gemüse gegessen. Da ich besagte Fleischreste zuvor in rohem Zustand gesehen hatte (einige davon sahen verdächtig nach Schweinefüßen aus), hatte ich nicht ganz so großen Appetit darauf und hab um das Fleisch herum gegessen ;)


Ach ja – ich bin nun übrigens wirklich legal in Brasilien. Nachdem ich etwas zu spät gemerkt habe, dass zu meinem Aufenthalt hier mein Visum allein nicht reicht, sondern ich mich auch noch bei der „Policia Federal“ registrieren muss, hab ich etwas Panik bekommen. Doch es war alles halb so wild: 1000 Dokumente, Passfotos und gewartete Stunden später und um weitere 60€ ärmer bin ich nun endlich offiziell und legal hier – kann allerdings sein, dass ich die ganze Prozedur im Juli/August noch einmal machen muss (das hab ich noch nicht so ganz verstanden).

Sooo.. geschafft! Ach ja, die Post zu mir dauert zwar sehr, sehr lange, aber sie kommt an. Ich freu mich also immer über Briefe oder sonstige Nachrichten von euch! Meine Adresse hier ist:
Lea Schramm
Convento Santo Antonio de Pari
Praça Padre Bento s/n
03031 -030 São Paulo
BRASIL


Beijos, Lea