Donnerstag, 28. Mai 2015

Zu Besuch in einem Frauengefängnis

Auf den heutigen Tag war ich schon seit langer Zeit ziemlich gespannt! Ich habe nämlich das erste Mal einige Sozialarbeiter bei ihrer Arbeit in einem Gefängnis hier in São Paulo begleitet. Ich kannte das Innere von Gefängnissen bisher nur aus dem Tatort (ich hatte noch nie die Gelegenheit in Deutschland eines zu besuchen – kann man auch als ein gutes Zeichen werten ;) ) und von den „presídios“ in Brasilien hatte ich schon diverse Horror-Stories gehört. Bei dem heutigen Besuch war ich daher sowohl sehr, sehr neugierig, als auch etwas nervös. 
Die Fahrt in das Frauengefängnis dauerte ca. 45 Minuten und führte hinaus aus der quirligen Millionenmetropole São Paulo in die bewaldeten Hügel – vorbei an Hochhäusern und Palmen, riesigen Favelas und Shopping-Malls, Hotels und Bolzplätzen.. Noch nie ist mir die Armut hier so extrem aufgefallen und noch nie bin ich mir der gewaltigen Unterschiede und Extreme, die in São Paulo aufeinandertreffen, so unmittelbar bewusst geworden. Diese Unterschiede sollten auch im Laufe des Nachmittags noch eine große Rolle spielen.

Das Gefängnis wirkte von Anfang an ziemlich einschüchternd auf mich. Ein großer grauer Betonkasten, mit riesigen Mauern und Stacheldraht, sowie einer Unmenge an Toren, Schlössern und Riegeln. Alle mitgebrachten Materialien mussten im Vorhinein angemeldet werden und wurden nach und nach auf einer Liste abgehackt und durch einen Gepäckscanner wie am Flughafen untersucht. Auch wir mussten unsere Ausweise abgeben, durch einen Scanner laufen und wurden anschließend noch abgetastet, damit ja nichts mit ins Gefängnis geschmuggelt wurde, von dem die Wärter nichts wussten. Wir durchquerten mindestens 5 Gittertüren, bei denen wir jedes Mal auf eine andere Wächterin warten musste, damit sie uns aufsperrt, bis wir endlich zu unseren „Abteilungen“ kamen, in denen die Treffen stattfanden (zwei Mitarbeiterinnen in der einen und ein junger Franziskaner, der momentan Soziale Arbeit studiert, und ich in der anderen).

Ich weiß nicht genau, was ich von Frauen in einem Gefängnis erwartet habe (Vorurteile?!), aber ich war wirklich überrascht, wie unglaublich normal und sympathisch die „meninas“ (Mädchen) hier waren. Sie waren total offen, neugierig, interessiert und ständig am Lachen (richtig albern, wenn es um bestimmte Themen ging). Es waren Frauen, die ich dem ersten Eindruck nach niemals in einem Gefängnis vermutet hätte. Viele von ihnen sind dort auch wegen kleineren Delikten – meistens auf Grund von Drogenhandel. 

Die Legalisierung von Drogen (vor allem Marihuana) ist im Moment in Brasilien ein großes Thema. Das Ganze kann man natürlich so und so sehen, aber wie der Frei, der mich mit dorthin genommen hat, richtig gesagt hat: Drogen werden so oder so genommen – ob sie nun legal sind, oder nicht. Es macht allerdings einen gewaltigen Unterschied für die vielen, vielen Menschen in den Favelas, die deswegen ins Gefängnis kommen. Den reichen, weißen Menschen ist das egal – an Unis beispielsweise kontrolliert niemand, ob jemand Drogen dabei hat. Auch die Drogenbosse, die das große Geld mit dem Handel scheffeln, bleiben unbehelligt. Die einzigen, die von der Illegalität der Drogen betroffen sind, sind die Menschen der Gesellschaft, die eh schon am Rande stehen und leiden, nämlich diejenigen, die den Verkauf von Drogen als zusätzliche Einnahmequelle verwenden, um ihr Überleben zu sichern – Die „negros“ und „morenos“ in den Favelas, die auch gezielt von der Polizei kontrolliert werden. Von den ca. 20 Frauen, die an dem Treffen teilnahmen war übrigens eine einzige „branco“ (weiß). 
(Eine weitere Hoffnung ist es, durch die Legalisierung von Drogen die mit dem Handel/Schmuggel verbundene Gewalt zu verringern)

Das Thema der heutigen Sitzung war – passend dazu – Rassismus. Die meisten Gefängnisinsassen sind, wie schon oben etwas erklärt, dunkelhäutig. Es ist hier überall bekannt, dass die Polizei gezielt Razzien und Durchsuchungen bei farbigen Menschen macht und Ungerechtigkeiten auf Grund der Hautfarbe sind allgegenwärtig. Aus diesem Grund ist es unglaublich wichtig, dieses Thema anzusprechen! Es ging bei unseren Diskussionen um die Bilder, die in den Medien transportiert werden (die Stars sind meistens weiß, die Straftäter die gezeigt werden tendenziell dunkelhäutig) und die Assoziation von Hautfarben und Berufen (auch in Deutschland ein wichtiges Überlegung – ich hab zum Beispiel noch nie einen Lehrer kennengelernt, der dunkelhäutig ist). Ein weiterer angesprochener Aspekt war die Sklaverei, durch die die ersten „negros“ aus Afrika nach Brasilien kamen. Während der Begriff „Sklave“ für mich etwas unendlich weit entferntes ist, ist er hier bis heute noch ein aktuelles Thema. Viele Leute haben Urgroßeltern, die noch Sklaven waren und in den Köpfen vieler Brasilianer werden dunkelhäutige Menschen immer noch als minderwertig angesehen. Wir hatten Such- und Verkaufsanzeigen von Sklaven aus der damaligen Zeit mitgebracht und die Frauen haben verschiedene Szenen davon nachgespielt. Danach wurde darüber diskutiert und der Bezug zur heutigen Zeit hergestellt. Außerdem hatten die Frauen die Möglichkeit, von eigenen Erlebnissen und Erfahrungen im Zusammenhang mit Rassismus zu erzählen.

Nach einer spannenden Stunde ging es nach einer liebevollen Verabschiedung für die Frauen zurück in ihre graue Realität und für mich wieder raus aus dem unendlichen Betonklotz. Am Eingang wurde überprüft, dass auch jeder einzelne USB-Stick und Stift wieder mit hinausgenommen wurde und wir bekamen unsere Pässe wieder. Danach fuhren wir zurück, vorbei an all den Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten Brasiliens, in die Vertrautheit der überfüllten und von Hochhäusern gesäumten Straßen des „Centro“ von São Paulo – den Kopf voller neuer Eindrücke und einer Menge Dinge, über die es sich nachzudenken lohnt.

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