Mittwoch, 18. März 2015

Die ersten Eindrücke

Dafür, dass sich der ganze organisatorische Kram bezüglich meines Visums in den letzten Monaten so ewig hingezogen hat, ging es jetzt am Schluss so schnell, dass ich kaum noch mitgekommen bin: Visum abgegeben, Flug gebucht, Visum abgeholt und ZACK klingelt der Wecker nachts um halb 3 und looos geht’s!

Das alles kam mir so unwirklich vor, dass weder der Abschied, noch die Fahrt zum Flughafen besonders schmerzhaft waren. Kann allerdings auch daran gelegen haben, dass ich mich innerlich noch im Halbschlaf befand! Aus diesem wurde ich dann jedoch schlaghaft am Münchner Flughafen gerissen, als mir die Gepäckabgabe-Maschine verkündete, dass ich nur ein Gepäckstück abgeben dürfe. Die Angestellte meinte nur trocken, es käme schon manchmal vor, dass im Internet falsche Angaben stünden und es könne sein, dass ich das zweite Gepäckstück nicht aufgeben kann, bzw. nur als Übergepäck. Ich müsse nun auf jeden Fall zu einem Schalter am anderen Ende der Halle. Nach ein paar panischen Minuten („Ich kann doch nicht meine ganzen Klamotten dalassen“) stellte sich dann heraus, dass die Maschine einen Fehler gemacht hatte und ich durfte doch noch meinen Rucksack abgeben.
Der Flug nach Lissabon war relativ kurzweilig und entspannt und bot einen wunderbaren Sonnenaufgang über den Wolken. Während in Lissabon die meisten schon an ihrem Reiseziel angekommen waren, ging es dort für mich ja erst richtig los – 10h nach São Paulo!! Ich war ziemlich müde und war damit praktischerweise scheinbar nicht allein im Flieger: nach dem Mittagessen beschloss das gesamte Flugzeug interessanterweise für mindestens 4h alle Fenster zu verdunkeln und zu schlafen! Seeehr merkwürdig, aber angenehm :) Gegen Ende des Flugs wurde ich dann doch etwas aufgeregt und hab noch das ein oder andere portugiesische Wort in meinem Lexikon nachgeschlagen (Was heißt nochmal „Danke fürs Abholen am Flughafen?“).

Mein erster Eindruck von São Paulo war: eine riiiiiesige Stadt und Nebel/Regen. Der zweite schlug mir in Form von einer schwülen Hitzewelle entgegen – von wegen es wird langsam kalt! Mein Glück mit dem Gepäck zeigte sich am Gepäckband erneut, als mein Rucksack zunächst einmal unauffindbar war. Allerdings stellte sich bald heraus, dass einigen anderen jungen Leuten ebenfalls ihre großen Backpacker fehlten und wir fanden sie dann am anderen Ende der Halle auf einem extra Haufen. In der Ankunftshalle wurde ich von Rosangela, meiner Anleiterin, und einem weiteren Mitarbeiter von Sefras empfangen und sie fuhren mich ins Franziskaner-Konvent, in dem ich die nächsten Monate wohnen werde. Mein Zimmer hier ist sehr schlicht, aber groß und ich hab ein eigenes Bad (sogar mit warmem Wasser.. allerdings erst, nachdem man 10 min kalt geduscht hat :D).

Die ersten Tage hier hatte ich eine Art „Dauer-Déjà-vu“. Alles hat mich irgendwie an Indien (ich habe dort 1 Jahr lang ein FSJ gemacht) erinnert: die Straßen, die fremde Sprache, der Geruch, die Ventilatoren… Sehr verrückt! Ich hab daraufhin ausversehen ständig angefangen Englisch zu reden (was hier quasi niemand versteht), mich über die kurzen Klamotten gewundert und… wieder angefangen mit dem Kopf zu wackeln!!! SCHRECKLICH :D Inzwischen mach ich das zum Glück nur noch sehr selten.
Hier im Konvent gefällt es mir wirklich gut! Es gibt einen wunderschönen Innenhof mit vielen Pflanzen und eine Dachterrasse mit einer Wahnsinnsaussicht auf das Zentrum von São Paulo! Die Padres sind auch super cool drauf. Sie haben mir gleich am Samstag ein bisschen die Umgebung gezeigt und am Sonntag ist einer mit mir ins Zentrum von São Paulo gelaufen (45min!!) und wir waren im Theater. Hab zwar nicht so viel verstanden (mein Portugiesisch ist eine Katastrophe), aber witzig wars trotzdem. Danach waren wir noch im Zentrum unterwegs und er hat mir ein paar Sehenswürdigkeiten gezeigt, wie z.B. das Teatro Municipal, die Catedral da Sé und die Avenida Paulista (São Paulos bekannteste Straße – dort sind riesen Bürohäuser, Geschäfte und Banken.. wirkt etwas als wäre man in New York). Ist wirklich eine unglaublich spannende Stadt! Auf der einen Seite sieht man unglaublich viel Armut - zerfallene Häuser, gefährliche Viertel, Obdachlose ohne Ende und viele Prostituierte, die definitiv noch keine 18 sind. Auf der anderen Seite gibt es riesige Ausgehviertel, Malls, Museen und teure Autos. São Paulo ist übrigens die Stadt mit der höchsten Hubschrauberdichte der Welt (noch vor New York) – die Multimillionäre fliegen damit in die Arbeit um dem täglichen Straßenchaos zu entgehen..

Am Montag ging es dann zum ersten Mal in die Organisation, in der ich mein Praktikum machen werde – Sefras. Sie wurde von Franziskaner Mönchen gegründet, die hier die Ideale von Franz von Assisi, also Soziale Gerechtigkeit und Solidarität, mit der Arbeit mit den Armen verbinden wollten. Sefras hat viele verschiedene Projekte, die meisten davon in und um São Paulo. Ich habe mit meiner Anleiterin Rosangela vereinbart, dass ich mir erst einige von diesen anschauen werde, und mich dann für eines entscheide, in dem ich mein Praktikum absolviere.

Am Nachmittag bin ich mit Rosangela daher in das erste Projekt gefahren. Es ist ein Haus, in dem Immigranten, die nach Brasilien kommen, eine erste, kostenlose Unterkunft und Verpflegung erhalten, sowie sozialpädagogische und psychologische Betreuung. Außerdem werden dort ihre Daten und Hintergründe gesammelt. Die Leute schlafen nach Geschlechtern getrennt in Räumen für um die 10 Personen zusammen (mit Stockbetten, wie im Schullandheim). Da dort vor allem bei den Frauen viele mit Kindern sind (als ich da war, war dort unter anderem eine Frau mit 6 Kindern, die gerade wieder schwanger war), kann man sich vorstellen, was in diesen Räumen für ein Chaos und Halligalli herrscht. Die Immigranten bekommen von Sefras Portugiesischunterricht, Hilfe bei der Arbeits-/ Wohnungssuche, etc. Für die Meisten ist Brasilien nicht das Wunsch-Ziel, allerdings sind die Visa angeblich leichter und billiger zu bekommen (kann man sich bei meinen Visums-Problemen kaum vorstellen).

Den Dienstag habe ich in einem Projekt für Kinder- und Jugendliche in einer Favela am Rande von São Paulo verbracht. Es war erschreckend einen solchen Ort mal in Realität zu sehen – ich kannte Favelas ja bisher nur aus dem Fernsehen. Die Gebäude ziehen sich die Hügel hinauf und hinunter, die Straßen sind schmutzig, die Häuser klein und aneinandergedrängt und die Wege zwischen ihnen so schmal, dass keine 2 Leute aneinander vorbeigehen können. In vielen Familien herrscht Gewalt, Drogen sind ein alltägliches Problem und nach Aussage eines Mitarbeiters ist „die Polizei hier kein Freund der Menschen“. In dieser Lebenssituation bietet das Projekt von Sefras eine Möglichkeit, aus dem Alltag zu entfliehen und einfach nur Kind zu sein. Hier gibt es Platz zum Fußballspielen und Seilspringen, zum Basteln und Malen, zum Tanzen und Musizieren. Die Kinder werden in 2 Schichten betreut, eine am Vormittag und eine am Nachmittag (auch die Schule findet in 2 Schichten statt). Sie bekommen ein warmes Mittagessen, sowie Frühstück/Nachmittags-Snacks. An diesem Tag war wohl ich die Hauptattraktion :D Ständig war ich von einer Gruppe Kids umringt, die wissen wollten, was dieses oder jenes Wort auf Deutsch/ Englisch heißt, was ich in Deutschland denn essen würde, ob ich einen Freund hätte und wie ich das Ergebnis des Deutschland-Brasilien-Spiels bei der WM fand. Als meine Fußballmannschaft dann auch noch 7:1 gewann, war der Spaß perfekt!

Heute habe ich den Vormittag in einem Projekt für Müllsammler verbracht. In São Paulo gibt es, wie schon oben erwähnt, unglaublich viele Menschen, die auf der Straße leben. Viele versuchen sich mit dem Sammeln von Müll ein bisschen Geld zu verdienen. Sefras gibt ihnen zum einen die Möglichkeit, dies in einer sicheren Umgebung und in geregelten Umständen zu tun, und bietet zum anderen verschiedene Bildungsprogramme an. Dies ist vor allem deshalb von Bedeutung, da viele Menschen auf der Straße kaum Bildung genossen haben und teilweise sogar Analphabeten sind.

Am Nachmittag hat mir eine Mitarbeiterin von Sefras von ihrer Arbeit in den Gefängnissen São Paulos erzählt. Brasilien hat angeblich die dritthöchste Anzahl an Gefängnisinsassen der Welt (nach China und Indonesien) und die Situation für diese ist katastrophal. Viele kommen wegen vergleichsweise „geringen“ Vergehen, wie beispielsweise dem Verkauf von kleinen Mengen an Drogen, für eine sehr lange Zeit ins Gefängnis. Dazu ist anscheinend der Rassismus hier sehr ausgeprägt und die meisten der Insassen sind afro-amerikanisch oder gehören einer indigenen Bevölkerungsgruppe an. Dieses Projekt arbeitet sowohl mit den Gefängnisinsassen, unteranderem durch Gesprächsgruppen zu unterschiedlichen Themen (getrennt in Jungs/ Mädchen, Männer/ Frauen), und mit den Familien der Inhaftierten. Den Rest der Woche werde ich mir weitere Projekte anschauen und mich dann für eines entscheiden.

Jetzt ist es kurz vor 7 und ich werd langsam müde :) Die letzten Tage bin ich meist spätestens um halb 9 oder 9 Uhr ins Bett gegangen.. Das ständige Konzentrieren wegen der fremden Sprache und die ganzen neuen Erfahrungen sind soooo anstrengend :D
Wer bis hierhin durchgehalten hat: Gratulation :) Ist doch etwas länger geworden.. aber vor allem am Anfang ist alles noch so neu und spannend!

Abraço, 
Lea
Blick von der Dachterrasse

Sao Paulo Centro

Praça Padre Bento vor dem Konvent

mein Zimmer

der Innenhof von oben

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